MZEE.com schließt – Reaktionen

MZEE.com schließt

Vielleicht werde ich in den kommenden Tagen hier dazu schreiben. Bis dahin muss der “Abschiedsbrief” im Shop-Blog reichen:

Hallo lieber Hip Hop Fan, Hater, Rapper, Business-Mensch und Leser,

Ja, MZEE.com schließt seine Pforten. Das ist aber nicht schlimm: Nach mehr als 20 Jahren Aufbauarbeit braucht Hip Hop uns nicht mehr. Denn auch ohne uns verkaufen Rapper ihre Platten und Klamotten-Designer ihre T-Shirts. Auch Marker und Graffiti-Bücher haben ihre eigenen Strukturen gefunden. Alle Medien und Gesellschaftsstrukturen sind inzwischen mit Hip Hop Heads durchsetzt, überall stehen die Wege offen.
Das heißt: die Vision, mit der wir angetreten sind, ist Realität geworden.
Mission erfüllt!

Wir sind dankbar und stolz, dass wir lange Jahre eine so große Rolle für Hip Hop spielen durften. Klar, wären wir es nicht gewesen, hätte es jemand anderes gemacht; aber wir waren es und empfinden es als Ehre, Vorreiter in so vielen Dingen gewesen sein zu dürfen.

Und wenn Du, lieber junger Leser, nicht nachvollziehen kannst was an MZEE denn so toll gewesen sein soll, dann freu Dich, dass Du in einer Zeit lebst, in der Hip Hop so vital und lebendig ist, dass wir nicht zurückblicken müssen: Ständig kommen neue tolle Talente und Ideen zum Vorschein, so dass wir nicht darauf angewiesen sind, den alten Kram aufzuwärmen und unablässig nur den Pionieren zu huldigen.

Ab jetzt: Ausverkauf im Shop

Wir werden in den kommenden Wochen noch abverkaufen was wir auf Lager haben und den Versandhandel danach einstellen. Du kannst Deine Bonuspunkte also noch einlösen und Schnäppchen machen während wir nach und nach weiter reduzieren. Aber sei gewarnt: wir kriegen nichts mehr nach, was weg ist, ist weg.

Das Forum ist bereits geschlossen

Das Forum haben wir geschlossen. Es wird in wenigen Tagen komplett aus dem Netz verschwinden. Das war kein leichter Entschluss, aber es gibt keine Alternativen: so ein Server kostet Geld und wo soll das jetzt herkommen? Das selbe gilt für den Jamkalender. Auch in diesen Blog werden wir bald vom Netz nehmen.

Auf Wiedersehen*

Uns bleibt jetzt nur noch “auf Wiedersehen” zu sagen.
Wir danken allen, die über die Jahre mit uns zusammengearbeitet haben, an all den geilen Projekte, Editionen, Magazinen und Veranstaltungen.

Hip Hop and you don’t stop!

Ralf Kotthoff
(im Namen des gesamten MZEE-Teams)

* ja genau, “auf Wiedersehen” heißt “auf Wiedersehen”. Gibt es im Hip Hop ein Abschied ohne Comeback? Sei gespannt!

Quelle: http://blog.mzee.com/2014/07/17/wir-schliessen/
…dort kann man sich auch für einen Newsletter anmelden wenn man das Comeback nicht verpassen möchte.

Sign Painters – ein Film über amerikanische Schildermaler


Ich habe den Film gesehen und dabei zwar Graffiti-Bezüge vermisst, dafür aber eine Menge wunderschöner amerikanisches Schilder-Maler-Tradition gesehen. Ein Fest für Liebhaber von Typografie und Kunst im öffentlichen Raum.
Mehr Info zu dem Projekt auf www.signpaintersfilm.com. Dort gibt es auch den kostenpflichtigen HD-Stream ($1 reduziert mit dem Code “typography”).

frischer Sound für den Sommer: Ufo361

Weil ich in meinem letzten Beitrag vielleicht ein wenig hängengeblieben / oldschool-verteidigend rüberkam, hier zur Auflockerung ein Video von meiner aktuellen Zukunftshoffnung Ufo361:

Wenn der die Freshness nicht mit Löffeln gefressen hat, dann weiß ich nicht. So macht Rap doch Spaß!

Mit “Zukunftshoffnung” meine ich übrigens nicht, dass Ufo demnächst die Charts und Rotationen ausfüllen wird. Große kommerzielle Hoffnungen mache ich mir für ihn (leider) nicht. Aber für eine Auffrischung meines ganz persönlichen Sounds im Kopfhörer freue ich mich auf sein Album.

3plusss hat es nicht verstanden. (Hip Hop?)

Unlängst brachte 3Plusss zu seinem Lied “Ich habe Hip Hop nicht verstanden” dieses Video raus:

Ich bin in den 90ern geborn. Und war, als Torch gerappt hat, noch feucht hinter den Ohr’n.
Ich will die Zeit von damals wirklich nicht bewerten;
Doch hieß es nicht dass das geil sein soll dann würd ich es nicht merken.
Mir ist egal was für ne Ordnung hier herrscht, Eure ganzen Legenden renn’ ihrer Form hinterher.
Von mir aus hast du zig Jahre Geschichte hinter dir,
Aber bist du heute wack, dann ist das nicht zu respektier’n

(geklaut bei rapgenius)

An diesem Track möchte ich exemplarisch etwas über “Respekt für die Oldschooler” loswerden.
Die (auch von anderen geäußerte) Aussage, die in den Zeilen steckt ist für mich: “Ich geben den Oldschoolern keinen Respekt, weil sie heute im Vergleich mit anderen Rappern nicht mehr mithalten können.”

Ich finde diese Aussage grundsätzlich unnötig.

Man sollte, wenn man nichts Positives zu sagen hat, vielleicht besser nichts sagen. Gerade Rapper erzählen sich ständig gegenseitig, dass sie die jeweils anderen doof oder schlecht finden, bzw dass diese oder jene nicht “dazugehören”. Außenstehende hören sich das ein wenig an und ziehen dann das Fazit: “Naja, die Rapper selbst sagen, (und die müssen es ja nun wissen) dass fast alle Rapper schlecht sind, und es eigentlich gar keine Szene gibt“.

Und in diesem Fall, mehr noch:
Ich finde diese Aussage grundsätzlich falsch.

Respekt sollte man für Leistung verteilen. Und Leistung ist abhängig von den Umständen: einen Meter gegen den Wind spucken ist je nach Windstärke eine Leistung oder eben nicht. Und, Teil dieser Umstände sind auch die zeitlichen Umstände. Dass Torch damals überhaupt die deutsche Sprache in unpeinliche Reime gebracht hat, war ein völlig unfassbare Angelegenheit zu der Zeit. (Glaubt mir. Ich war dabei). Ihm und anderen Pionieren dafür jeglichen Respekt zu versagen, zeichnet einfach von Ignoranz und Unwissen. Oder Dummheit.
Niemand muss das was die damals gemacht haben (oder heute machen) mögen, man muss auch zu keinem Konzert gehen, oder gar Eintritt zahlen wenn man das nicht möchte. All good. Aber pauschale Äußerungen, dass man kein Verständnis dafür hat, dass die Helden von damals heute noch Respekt kriegen, ist in meinen Augen wirklich ein Zeichen davon, dass man etwas nicht verstanden hat. Jetzt nicht unbedingt “Hip Hop” komplett. Aber zumindest das Hip Hop-Prinzip “Respekt für Leistung”.

Das Album von 3Plusss solltet Ihr Euch trotzdem mal anhören übrigens.

Links:
- 3plusss auf Facebook
- Lyrics zu “Ich habe Hip Hop nicht verstanden” bei Rapgenius

Sookee ist unnötig unverständlich (und disst Cro und Kollegah)

Rapperin Sookee hat ein großes politisches Sendungsbewusstsein. Wenn sie Musik macht, dann klingt das z.B. so (bei 0:50 geht es auch mal los):

Jetzt hat Falk Schacht auf ein Interview mit ihr hingewiesen, das mit der Frage beginnt, wie sie zum Rap gekommen sei. Ihre Antwort:

Sprache, vor allem Schriftsprache und Kommunikation überhaupt üben eine enorme Faszination auf mich aus. Wenn Menschen einander verstehen, im doppelten Wortsinn, kann Kollektivität entstehen. Ich bin ein gemeinschaftlicher Typ, ich mag zwar Individualismus, aber fürchte mich vor Vereinzelung. Sprache ist verbindend. Kulturelle Artikulationen schließen da an, schaffen Identifikationsmöglichkeiten.

Ganz offensichtlich ist das Interview schriftlich geführt worden, denn niemand – wirklich niemand – spricht so. Weiter unten im Interview kommt diese Aussage:

(…) ich kann nur für mich sprechen und sagen, dass mir Offenheit, Verständlichkeit und eine einladende Atmosphäre wichtiger sind als jeder ideologische Dogmatismus.

Ich messe Menschen gerne an ihren eigenen Ansprüchen. Wenn es Sookee wirklich um “Verständlichkeit” geht und sie Schriftsprache faszinierend findet, warum versagt sie dann so eklatant bei genau diesem: einer verständlichen, offenen Sprache!?

Zum Beispiel:
Sprache, vor allem Schriftsprache und Kommunikation überhaupt üben eine enorme Faszination auf mich aus.
Viel verständlicher und zugänglicher wäre:
Sprache und Kommunikation faszinieren mich enorm. Vor allem geschriebene Texte.

Sookee neigt krass zur Substantivierung und Abstraktion, auch in Kleinigkeiten: “Sprache ist verbindend.” – warum nicht einfach “Sprache verbindet.“?
Jeder Deutschlehrer bringt einem bei, dass passiv formuliertes an Kraft verliert: “XY ist verbindet” ist schwächer als “XY verbindet“.

Lies das Interview selbst – buchstäblich jeder Absatz bietet eine Vielzahl dieser Formulierungen.

Gründe?

Sprachprofis betreiben solche Verklausulierungen, wenn sie das Gesagte abschwächen wollen. Ein Politiker sagt nicht “Sie alle müssen bald höhere Steuern zahlen” sondern spricht von “der Unabwendbarkeit einer Steuermehrbelastung der Gesamtheit der Bürgerinnen und Bürger in absehbarer Zukunft“. Ähnlich wird der Trick von Rechtsanwälten etc angewendet.
Diese Absicht möchte ich Sookee nicht unterstellen.

Ein anderer Anwendungszweck ist in fast allen wissenschaftlichen Arbeiten zu finden: der Autor möchte sich selbst und seinem Text die Aura von Wissen, Allgemeingültigkeit und Erhabenheit verleihen durch eine gezwirbelte Sprache. Und hierauf würde ich bei Sookee tippen: Sie möchte (unbewusst) die Wichtigkeit und Durchdachtheit ihrer Aussagen unterstreichen.
…äh, nein, sorry: Sookee möchte (unbewusst) unterstreichen, dass sie ihre Aussagen für wichtig und durchdacht hält.
;)

Ja, die Beobachtung ist richtig, dass linke Kontexte mehrheitlich von Weißen dominiert werden und dass auch ein großer Teil der Aktivistinnen und Aktivisten akademisch geprägt sind. Das sind Relationen, an denen (…) gearbeitet wird (…).

Ich würde jemandem wie Sookee, der ihre Anliegen offensichtlich wichtig sind, wirklich wünschen, dass sie zu einer eingänglicheren Sprache findet. Denn wenn sie möchte, dass sie auch “Nicht-Akademiker” erreicht, dann wäre hier doch ein guter Punkt anzusetzen, oder?

Cro & Kollegah

Dem aufmerksamen Leser ist hoffentlich aufgefallen, dass ich nur darüber schreibe WIE Sookee etwas sagt, nicht WAS sie sagt. Das will ich auch beibehalten wenn ich über ihrer Kritik an Cro und Kollegah spreche:

Ich finde einen Cro mit seiner privilegierten Positionslosigkeit, der mit einem Lied über Verantwortungslosigkeit bekannt wurde während das Privatfernsehen entlang von Teenagerschwangershaften (sic!) auf das Präkariat spuckt, mindestens genauso abstoßend wie einen Kollegah, der ein größenwahnsinniger neoliberaler Kapitalist ist und aus jeder Scheiße Geld macht ohne auch nur ansatzweise bezüglich seiner Diskursrevelanz einsichtig zu scheint.

Sookee beginnt mit einer Kritik an Cros Positions- und Verantwortungslosigkeit. Um deutlich zu machen, was daran verwerflich ist, setzt sie das in den Kontrast gegen “das Privatfernsehen” und endet mit einem Begriff wie “Präkariat“. Der normal überfliegende Internet-Leser, der sich den Satz ja von hinten nach vorne aufrollt, denkt nur “Prä-Was? …und Hä? ist Cro jetzt für das Fernsehprogramm zuständig?”. Dann liest er weiter zu Kollegah, der nicht “ansatzweise bezüglich seiner Diskursrevelanz einsichtig zu scheint“. Wow.

Ich bin mir ziemlich sicher dass ich verstanden habe was Sookee’s Kritik ist, werde es aber nicht erklären. Weil wenn Du, lieber Leser, meinen langen Blogeintrag bis hier gelesen hast, dann hast Du Interesse an Sachen wie Sprache und kannst Sookees Aussagen, ob Deines bildungsnahen Hintergrundes, auch selbst dechiffrieren. Aber jetzt wo wir unter uns sind: die anderen 90% Prozent, die nicht bis hier gekommen sind, die hat auch Sookee abgehängt. Ist doch schade, wo sie so viel zu sagen hat. Oder?

Links:
- Das Interview mit Sookee bei Freitag.de
- Der Beitrag von Falk Schacht auf Facebook

Advanced Chemistry “Heidelberg” Tape (Fundstück)

Du weißt, ich miste meine Plattensammlung aus und verkaufe vieles davon auf Discogs. Heute habe ich ein paar Tapes durchgearbeitet und bin dabei auf dieses Schmuckstück gestoßen:

2014-06-14 15.04.34

2014-06-14 15.04.47

Das dürfte der erste “Tonträger” von Advanced Chemistry sein: mit diesem Tape ging ihr Manager Akim Walta damals auf Labelsuche. Das war dann also 1991 oder 1992.

Sehr uninteressant heute, aber damals war es die Vorbereitung zu einem Quantensprung!

Links:
- dieses Tape bei Discogs
- mehr Infos zu meiner Sammlung
- mehr oldschool Kram in meinem “Museum”